Über unbewusste Hemmungen, frühe Lernerfahrungen und die Möglichkeit, durch Kampfsport neue Handlungsspielräume zu entdecken.
Es gibt etwas, das mir im Training immer wieder auffällt: Ich gehe in eine Bewegung, gebe alles, fühle mich kraftvoll, intensiv, manchmal sogar wild. Und wenn ich später ein Video davon sehe, bin ich überrascht. Denn von außen sieht es ganz anders aus, als es sich für mich angefühlt hat.
Ich sehe Kontrolle. Anspannung. Eine gewisse Vorsicht. Bewegungen, die nicht ganz zu Ende geführt werden. Als würde ich mich selbst in dem Moment, in dem ich eigentlich alles gebe, doch noch ein bisschen zurückhalten. Diese Diskrepanz kenne ich schon lange. Besonders bei Dingen, die einen körperlich ausdrücklichen, expressiven Ausdruck verlangen: beim Tanzen, bei bestimmten Bewegungen und inzwischen besonders im Kampfsport.
Ich dachte, ich wäre voll drin. Und dann sehe ich, dass da immer noch eine Bremse ist. Das Irritierende daran ist, dass ich diese Bremse nicht einmal bewusst wahrnehme. Ich muss mich von außen sehen, um zu erkennen, wie viel Zurückhaltung noch in meinem Körper steckt.
Manchmal denke ich, ich müsste einfach einmal richtig laut schreien, mich schütteln, auf und ab springen, mich bewegen, ohne die Bewegung sofort wieder zu kontrollieren. Als müsste ich etwas abschütteln, das ich selbst kaum greifen kann.
Und gleichzeitig weiß ich, dass ich mich mit solchen Themen schon seit Jahren beschäftige. Ich kann meine Muster reflektieren, sie einordnen und verstehen. Trotzdem verschwinden sie nicht einfach. Für mich ist das ein Hinweis darauf, dass wir nicht alles, was wir über uns wissen, auch unmittelbar in unserem Erleben verändern können.
Warum halten wir uns also eigentlich selbst dann noch zurück, wenn wir längst verstanden haben, dass wir es nicht müssten, wir laut sein dürfen, Kraft haben dürfen, widersprechen dürfen, wütend sein dürfen und eigentlich nicht ständig darauf achten müssten, wie wir auf andere wirken?
Welche Rolle unsere frühen Erfahrungen spielen können
Vielleicht haben wir schon sehr früh die Erfahrung gemacht, dass es besser ist und sich sicherer anfühlt, nicht zu widersprechen. Dass andere gereizt reagieren, wenn wir zu fordernd sind. Dass wir Anerkennung bekommen, wenn wir unkompliziert sind, unsere Bedürfnisse zurückstellen oder unsere Gefühle im Griff haben. Vielleicht mussten wir früh darauf achten, wie es anderen geht, welche Stimmung gerade herrscht und wie viel Raum wir einnehmen können, ohne eine negative Reaktion auszulösen.
Vieles davon geschieht, bevor wir diese Erfahrungen überhaupt bewusst einordnen können. Wir entwickeln Erwartungen und Verhaltensweisen, ohne sie jemals ausdrücklich formuliert zu haben. Wir lernen nicht nur, was wir über uns denken sollen, sondern auch, wie wir uns in bestimmten Situationen verhalten.
Nicht alle diese Erfahrungen müssen besonders dramatisch sein. Es braucht nicht zwangsläufig ein einzelnes einschneidendes Erlebnis. Auch wiederholte, scheinbar alltägliche Rückmeldungen können dazu beitragen, dass wir bestimmte Verhaltensweisen bevorzugen und andere seltener zeigen.
Wir lernen dann möglicherweise nicht nur: Ich sollte mich zurückhalten. Wir lernen auch, uns selbst zu beobachten, unsere Impulse zu kontrollieren und mögliche Reaktionen anderer vorauszudenken. Diese Kontrolle kann sehr nützlich sein. Sie hilft uns, soziale Situationen einzuschätzen, Rücksicht zu nehmen und Konflikte zu vermeiden. Schwierig wird es, wenn wir diese Kontrolle so früh als Muster gelernt haben, dass sie uns später selbstverständlich erscheinen und wir gar nicht bemerken, wenn wir sie einsetzen.
Dann halten wir uns vielleicht zurück, bevor wir überhaupt bewusst entschieden haben, ob wir es wollen. Wir schwächen eine Bewegung ab, fühlen uns körperlich gehemmt, überhaupt widersprechen zu können, oder nehmen uns körperlich weniger Raum, als wir eigentlich einnehmen möchten. Später schauen wir dann unter Umständen auf die Situation zurück und verstehen gar nicht, warum wir überhaupt so gehemmt waren, nicht alle unsere Handlungsmöglichkeiten ausschöpfen konnten oder körperlich so gebremst waren.
Und es kann so frustrierend sein, ein Muster längst verstanden zu haben und es trotzdem immer wieder in uns zu beobachten. Diese Diskrepanz zwischen rationalem Verstehen und körperlicher Umsetzung von Handlungsimpulsen und körperlichen Bewegungen lässt mich denken, dass es möglicherweise nicht ausreicht, alles rational zu hinterfragen.
Wir können als Erwachsene verstehen, dass wir nicht mehr für jede Reaktion anderer verantwortlich sind. Wir können wissen, dass wir widersprechen dürfen, dass unsere Bedürfnisse zählen und dass es in Ordnung ist, Raum einzunehmen. Aber dieses Wissen verändert nicht automatisch alle Erwartungen und Reaktionsweisen, die wir über Jahre entwickelt haben. Und damit entsteht eine neue Frage: Was müsste passieren, damit ich nicht nur rational weiß, dass ich mich freier bewegen darf, sondern mein Körper dieses Wissen in der konkreten Situation tatsächlich umsetzen kann?
Warum Kampfsport dabei helfen kann
Das bringt mich zu der Erfahrung, die ich im Kampfsport gemacht habe: Ich muss funktionieren. Ich kann mich nicht ausschließlich damit beschäftigen, wie ich mich fühle oder warum ich möglicherweise gehemmt bin. Ich muss eine Bewegung ausführen. Ich muss auf einen Reiz reagieren, eine Entscheidung treffen, Kraft einsetzen und mich mit einer Situation auseinandersetzen, die ich nicht vollständig kontrollieren kann.
Dabei wird meine gewohnte Reaktion nicht unbedingt verschwinden. Vielleicht spüre ich die Anspannung weiterhin. Vielleicht zögere ich, halte eine Bewegung zurück oder merke erst hinterher, wie kontrolliert ich eigentlich war.
Aber ich habe die Möglichkeit, es erneut zu versuchen.
Das ist psychologisch interessant, weil Veränderung nicht immer voraussetzt, dass Angst oder Hemmung zuerst verschwinden. Manchmal verändert sich unser Verhalten, während wir die unangenehmen Gefühle noch wahrnehmen.
Ich drehe den ganzen Prozess also sozusagen um – ich gehe nicht über die rationale Ebene und versuche, dieses Wissen auf meinen Körper zu übertragen, sondern ich mache wiederholt neue Erfahrungen auf einer körperlichen Ebene, die mich aus dem rein rationalen Verstehen und analysieren herausholen und eine neue Form des Verstehens ermöglichen: Im Training kann ich beispielsweise erfahren, dass ich einen Schlag entschlossener ausführen kann, obwohl ich mich dabei ungewohnt fühle. Dass ich Kraft einsetzen kann, ohne die Kontrolle vollständig zu verlieren. Dass ich einen Fehler machen, korrigiert werden und es erneut versuchen kann. Oder dass ich körperlich präsent sein kann, ohne mich permanent aus der Perspektive anderer beobachten zu müssen.
Wenn solche Erfahrungen wiederholt in einem ausreichend sicheren und gut angeleiteten Rahmen stattfinden, können sie neue Lernerfahrungen ermöglichen. Die ursprüngliche Erwartung, etwa, dass es sich gefährlich, beschämend oder falsch anfühlt, Raum einzunehmen, muss dadurch nicht sofort verschwinden. Aber sie kann durch andere Erfahrungen ergänzt werden. Mein Körper kann allmählich lernen: Ich darf mich kraftvoll bewegen. Ich kann mit dem Gefühl umgehen, dabei sichtbar zu sein. Ich kann die Unsicherheit aushalten, die entsteht, wenn ich etwas anders mache als gewohnt.
Das ist keine Garantie dafür, dass sich diese Erfahrung automatisch auf andere Lebensbereiche überträgt. Im Training entschlossen zu handeln bedeutet nicht zwangsläufig, dass wir plötzlich auch in Beziehungen Grenzen setzen oder im Beruf selbstbewusster auftreten. Aber die Erfahrung kann eine Grundlage sein, auf die wir in anderen Situationen zurückgreifen.
Kampfsport bietet dafür einen besonderen Rahmen: Er verbindet körperliche Intensität mit klaren Aufgaben, unmittelbarem Feedback und der Möglichkeit, eine Handlung wiederholt auszuprobieren. Wir können beobachten, was passiert, wenn wir nicht sofort zurückweichen, und erleben, dass wir selbst Einfluss darauf haben, wie wir handeln.
Und so kann sich nach und nach der eigene Handlungsspielraum erweitern. Wir müssen nicht erst vollkommen frei von Hemmung sein, um anders handeln zu können. Und wir müssen nicht jede Hemmung überwinden, um uns freier zu fühlen. Aber es können nach und nach mehr Möglichkeiten entstehen, den eigenen Hemmungsimpuls wahrzunehmen und dann trotzdem frei zu entscheiden, ob ich mich zurückhalten und vorsichtig sein möchte, oder dem Impuls entgegengehen und entscheiden möchte, mehr Raum einzunehmen. Und diese Entscheidung wird möglicherweise erst dann wirklich verfügbar, wenn wir sie nicht nur verstanden, sondern auch wiederholt erlebt haben.
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